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Bleiberecht für Koblenzer Kinder
Familie Yildirim muss zurückkehren!

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In unserer Klasse ist ein Platz leer…

Andrea Lindner, Lehrerin von Cebreil Yildirim

Es sind jetzt 2 Tage vergangen, seit Cabreil mit seiner Familie in die Türkei abgeschoben wurde. Mir kommt es vor, als seien es Wochen. So viele Emotionen und Eindrücke stürmen auf mich ein. Ich weiß, dass ich dieses Entsetzen mein gesamtes Leben nicht vergessen werde.

Ich liege abends im Bett und werde die Bilder nicht los, sie lassen mich nicht schlafen. Immer wieder erlebe ich das schreckliche Gefühl der Hilflosigkeit, dass ich an diesem Morgen empfunden habe. Ich sehe die Kirche vor mir, umstellt von Polizisten. Sie reißen Cabreil uns seine Familie aus dem Schlaf, lassen sie in windeseile die nötigsten Sachen packen. Die Menschen, die sie in den letzen 1 ½ Jahren begleitet haben müssen hilflos zuschauen, dürfen nicht zu ihnen. Wir wissen, dass sie jetzt in die Türkei, in eine ungewisse Zukunft geschickt werden, in ein Land dass Cabreil und seine Geschwister nicht einmal kennen! Wir dürfen uns nicht einmal verabschieden. Wir müssen raten, aus welchem Ausgang sie vielleicht rausgebracht werden, damit wir ihnen wenigstens zeigen können. „Wir sind da!“ Es bleibt uns nichts anderes als vor Verzweiflung zu weinen und uns gegenseitig zu stützen. Das Bild, wie Cabreil mit seinem Vater und seinem Bruder in dem Polizeiauto sitzt und hilflos aus dem Fenster schaut verfolgt mich und lässt mich nicht mehr los. Wie soll ein Kind so etwas verstehen? Trotz aller Kämpfe und allem ertragenen Leid werden sie einfach alleine gelassen und weggeschickt.

Und dann muss ich zurück in die Schule gehen, zu Cabreils Klassenkameraden.

Ich sehe immer wieder die Augen der Kinder in meiner Klasse, als ich zu ihnen komme und ihnen sagen muss, dass Cabreil nicht mehr kommen wird. Die Kinder haben das gesamte letzte Schuljahr für ihren Klassenkameraden gekämpft und müssen nun erfahren, dass all das nichts genützt hat. Er wurde doch einfach aus unserer Gemeinschaft herausgerissen.

Es stürmt ein Schwall von Fragen auf mich ein, ich kann die meisten nicht beantworten:
 
Wieso muss Cabreil weg?
Was hat er denn falsch gemacht,
dass die Polizei ihn holt?
Er ist doch hier geboren!
Er hat doch hier sein zu Hause!
Wo geht Cabreil mit seiner Familie hin?
Hat er dort ein zu Hause?
Wird es ihm gut gehen?
Hat er es dort warm?
Durfte er seine Kuscheltiere mitnehmen?
Wer wird jetzt der Stürmer in unserer Fußballmannschaft?
Wer bringt ihm jetzt schreiben und rechnen bei?
Kommt er nach den Sommerferien zurück?

Cabreil gehört doch zu uns!

….

All diese Fragen prasseln auf mich ein und über allem steht ein großes: „Warum?“

Wenn ich schon nicht begreife, wie so etwas geschehen kann, wie soll ich es dann den Kindern erklären?

Uns bleibt nichts, als ihm Briefe zu schreiben, in der Hoffnung, dass wir bald erfahren, wie es ihm geht und wo er in der Türkei ist. Die Kinder entscheiden, dass Cabreils Sachen genau dort bleiben, wo sie sind. „Damit wir immer an ihn denken“, sagt Sarina.

Heute bringt Florian Bilder von Cabreil und seiner Familie aus dem Internet mit in die Schule. Die Kinder haben die Idee, eine Wand alleine für Cabreil zu gestalten. Dort hängen sie die Bilder auf und schreiben die Namen dazu. Niklas malt ein großes Herz und schreibt die Namen aller Klassenkameraden auf.

Eine Mutter ist zur Lesestunde zu Besuch. Sie hat mit mir gemeinsam die Abschiebung erlebt. Als sie die Kinder darüber sprechen hört und deren Betroffenheit spürt, kommen ihr die Tränen.

Eltern erzählen mir, dass ihre Kinder nicht gut schlafen. Sarina bricht am folgenden Tag immer wieder in Tränen aus. Laura kommt nach Hause, geht zuerst in ihr Zimmer und will alleine sein. Ihre Mutter hört sie laut singen. Das macht sie sonst nie. In den folgenden Nächten will sie bei ihren Eltern schlafen. Sie möchte nicht alleine sein. Immer wieder kommen die Kinder auf mich zu, stellen Fragen, haben Ideen, wie wir dafür sorgen können, dass es Cabreil gut geht, er vielleicht wieder kommt.

Cabreils Platz in der Klasse ist leer. Es ist aber eine viel größere Lücke, als nur ein leerer Stuhl, die er hinterlässt.

Uns fehlen sein Lachen, seine fröhliche Art, seine Begeisterungsfähigkeit, seine Witze, seine Ideen…. Uns fehlt ein toller Fußballspieler, ein Klassenkamerad, ein wissbegieriger, aufgeweckter Schüler,…

Uns fehlt ein Freund! Uns fehlt Cabreil!