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Bleiberecht für Koblenzer Kinder
Familie Yildirim muss zurückkehren!

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Familie Yildirim in Nusaybin

von Werner Huffer-Kilian

„Der Mensch, der alles verloren hat, die Heimat, das Vermögen, den sozialen Rang, er verstummt. Die einen zerbrechen, andere entdecken in sich verborgene Fähigkeiten ihrer Vorfahren, die Nomaden waren. In der Fremde werden sie lernen, ihr wahres Domizil zu finden: Der Mensch wohnt in sich selbst, sonst nirgends!“
Fred Wander, Das gute Leben oder Von der Fröhlichkeit im Schrecken, dtv 2009, S. 18

Flüchtlinge sind nirgends willkommen, und Abgeschobene in ihrer angeblichen Heimat ebenfalls nicht. Das ist das Ergebnis von Begegnungen mit Menschen, die oft mehr als 10 Jahre in Deutschland gelebt hatten und die in Länder abgeschoben wurden, die die deutschen Behörden als deren Heimat ansehen. So kann man auch unsere Erfahrung mit der Familie Yildirim zusammenfassen.

Für Pfarrer Thomas Corsten aus Koblenz-Neuendorf und Pastoralreferent Werner Huffer-Kilian aus Mülheim-Kärlich war der Besuch bei Familie Yildirim Hauptziel der Reise und Motiv für die Teilnahme an der IPPNW-Delegation. Zwei Tage wollten wir mit der Familie verbringen und auch das Newroz-Fest mitfeiern – und das 2 ½ Jahre nach ihrer Abschiebung aus dem Kirchenasyl in Koblenz. In Koblenz hatte sich ein Unterstützerkreis für die Familie gebildet, und dieser hält die Treue auch nach der Abschiebung, und man hat vereinbart, dass wir jedes Jahr im Rahmen der IPPNW-Delegation die Familie besuchen.

Zur Erinnerung: Am 31. 10. 2006 wurden Nafiye und Ali Yildirim mit ihren in Deutschland geborenen Kindern Emine, Ceprail und Serhat von einem starken Polizeiaufgebot und unter lautstarkem Protest der Bevölkerung aus der Neuendorfer Kirche gewaltsam heraus geholt, in bereitstehende VW-Busse gebracht und in Frankfurt/Main ins Flugzeug nach Istanbul gesetzt. Alle Bemühungen für das Bleiberecht der Familie in Deutschland und vor allem um Anerkennung der durch die Vereinten Nationen verbrieften Kinderrechte der hier geborenen Kinder fanden beim rheinland-pfälzischen Innenminister keine Anerkennung.

Der Besuch in Tepeüstü

Mit den Bildern vom Tag der Abschiebung in Kopf und Herz fahren wir beide am 20. März 2009 im Bus von Diyarbakir nach Nusaybin, wo wir gegen Abend am Busbahnhof ankommen. Ali Yildirim begrüßt uns herzlich und wir laden das Gepäck in den bereitstehenden Dolmuz um. Und dann geht es nach Tepeüstü, 15 km vor Nusaybin. Wir lachen, sind fröhlich, uns stehen die Tränen in den Augen – ein Wiedersehen nach so langer Zeit, es ist unglaublich.

Personen von links nach rechts: Großmutter oder Mutter von Ali Yildirim, Ömer, Nafiye, Derja mit Emine im Arm,
Mikael, Werner Huffer-Kilian, Pfr. Thomas Corsten ).

Wir werden mit einem tollen Abendessen begrüßt. Wir liegen auf dem teppichbedeckten Boden zu Tisch, lassen uns Salat, Reis, Hühnchen, Obst etc. schmecken und suchen immer wieder nach Worten, um unsere Freude auszudrücken. Und dann ist quasi „Weihnachten“ oder Newrozabend, weil wir die Geschenke aus Koblenz auspacken: Hefte und Schreibutensilien, Malblöcke und Legobausteine, Bücher in deutscher Sprache und Kleidung. Für jede und jeden ist etwas dabei. Ausgepowert und voller Emotionen bereiten wir schließlich die Betten auf dem Boden im Wohnzimmer.

Am Samstag, 21. März, ist Newroz-Tag, und wir fahren nach Nusaybin, wo Tausende versammelt sind, um der Musik, den Reden und Gedichten zu folgen, um zu singen, zu tanzen und Menschen zu treffen. Es ist ein buntes Treiben und wir mitten drin. Abends sind wir wieder in Tepeüstü, einem besonderen Abend, einem Erinnerungsabend. Ali sucht die Bilder und Fotos, die Hefte und Briefe hervor, alles sorgfältig aufbewahrt, eine Kostbarkeit der Familiengeschichte. Und wir erinnern uns. Die Gefühle sind dem Auf und Ab ausgesetzt zwischen Wut und Traurigkeit, die Ohnmacht vergangener Tage lebt wieder auf – und in allem zieht sich wie ein roter Faden die Verbundenheit, die Freundschaft, die gelebte Solidarität, die trotz Abschiebung und Distanz keine Grenze kennt.

Ali Yildirim und Thomas Corsten

Wir müssen weiter, die Delegation erwartet uns Sonntag in Hasankeyf. Der Bus fährt Sonntagmorgen los. Wir frühstücken, machen noch Fotos und filmen ein wenig, lachen, schwatzen und verabschieden uns. Wir sind sicher: der Kontakt bleibt, wir werden weiter Besuche organisieren und sind tief bewegt. Als Zeichen dieser Freundschaft nehmen wir viele schöne Geschenke mit.

Zur Situation der Familie

Allem Anschein nach hat sich die Integration der Familie in das Dorf Tepeüstü und in die Stadt Nusaybin wesentlich verbessert im Vergleich zu den Eindrücken aus dem Vorjahr, als ebenfalls zwei Personen des Koblenzer Unterstützerkreises vor Ort waren (siehe IPPNW-Bericht 2008). Wir konnten erleben, wie Nachbarkinder und Mitschülerinnen im Hause Yildirim ein und aus gingen, mit den Kindern spielten und neugierig auf die Deutschen waren. Wir erlebten, wie Nafiye mit einer Nachbarin Brot im Ofen backen konnte, wie Ali andere Männer traf und mit ihnen redete. Dies ist eine erfreuliche Entwicklung, die wir so nicht erwartet hatten.

Seit dem Verhör vom 5. März 2008 ist das Verfahren gegen Ali nicht weiter gegangen, so dass diese rechtlich ungesicherte Situation wie ein Damoklesschwert über ihm schwebt. Er wartet auf Nachricht vom Schwerstrafgericht in Diyarbakir, wo das Verfahren mit 11 anderen Personen angesiedelt ist. Zusätzlich lastet auf ihm die Tatsache, dass er weder einen Pass noch einen Nüfüs (Ausweis) besitzt, sondern nur seinen Führerschein vorzeigen kann. Hier ist seit der gewaltsamen Einreise in die Türkei, als ihm die Polizei seinen Pass abnahm, nichts geschehen. Auch die Versprechen von Seiten der deutschen Behörden, über die deutsche Botschaft den Fall zu verfolgen und Hilfen anzubieten, sind nicht eingehalten worden. Daher ist Ali Yildirim in seiner Mobilität eingeschränkt, denn ohne klare Ausweispapiere traut er sich nicht, die Grenzen seiner Provinz zu überschreiten. Ohnehin ist jede Polizei- und Militärkontrolle für ihn ein angstbesetztes Ereignis, und diese sind im Land nicht selten.

Nach langem Hin und Her ist es endlich gelungen, dass jedes Familienmitglied eine Gesundheitskarte, die sogenannte Yesil-Karte, hat, so dass die Kosten im Falle von Erkrankungen wesentlich gesenkt bzw. kostenfrei sind – bis auf Ali selbst, der diese Karte nicht besitzt und deshalb alle Gesundheitskosten selbst tragen muss.

Nafiye und Ali legen großen Wert auf die Ausbildung ihrer Kinder. Es ist abgesichert, dass alle Kinder zur Schule gehen, entsprechend Materialien und Kleidung haben. Die beiden älteren Geschwister, Ömer,16, und Derja, 15, gehen auf weiterführende Schulen in Nusaybin. Sie machen auf uns einen selbstbewussten Eindruck. Mikael, 14, macht den Eltern etwas Sorge. Diese drei älteren Geschwister sind bei der Flucht im Jahre 1996 bei der Großmutter geblieben und in Tepeüstü aufgewachsen. Emine, 8, die jüngste macht gute Fortschritte in der Schule, und leider hat sie ihr Deutsch fast völlig vergessen. Nur ab und zu blitzt es auf. Ceprail, 10, der in Deutschland in logopädischer Behandlung war, konnte diese nicht weiterführen, und hat entsprechend Probleme in der Schule. Serhat, 12, ist derjenige, den die Abschiebung am härtesten und bewusst getroffen hat. Er macht auf uns den Eindruck einer „gebrochenen Kinderseele“, ein Junge, der mit seiner Traurigkeit im neuen Umfeld zu leben gelernt, aber seine gewohnte Umgebung, Freunde und Spiele verloren hat. Er erinnert sich am meisten und kann am besten Deutsch.

Ali selbst pflegt sein Deutsch, indem er im Internetcafé deutsche Seiten liest. Wir können uns auch gut verständigen – fast besser als damals in Koblenz, als er unter dem Druck oft nicht die richtigen Worte fand. Leider hat Nafiye ihre Alphabetisierungskurse nicht weiter pflegen können, zu viel stand an, und nun ist sie wieder in der Hausfrauenrolle.

Finanziell ist und bleibt die Familie von den Geldern des Unterstützerkreises in Koblenz abhängig. Es hat sich dabei gezeigt, dass das Angebot unseres Staates, Geld für die Rückkehr zur Verfügung zu stellen, nur ein Lockmittel für die freiwillige Ausreise ist und keineswegs die Grundlage für den Aufbau einen neuen Existenz darstellt. Man hatte damals der Familie einen Betrag zwischen 5000 und 10.000 Euro angeboten. Unserer Einschätzung nach müsste man einer so großen Familie (mit der Großmutter sind es 9 Personen) über 2 Jahre lang einen monatlichen Betrag zur Verfügung stellen, der gemessen an den tatsächlichen Lebenshaltungskosten zum Aufbau einer Lebensperspektive dient.



Eine Spendenaktion des Unterstützerkreises erbrachte die Summe von 12.000 Euro, die wir der Familie überreichen konnten. Sie soll zur Anschaffung eines Dolmuz dienen, eines 15sitzigen Großtaxis, mit dem Ali Geld für den Lebensunterhalt der Familie verdienen könnte. Dies war das Ergebnis langwieriger Überlegungen, weil die Familie unmöglich in das Dorf Marina, dem Geburtsort von Ali, zurückkehren und die betriebene Landwirtschaft wieder aufnehmen kann. Das mächtige System der bewaffneten Dorfschützer, das der türkische Staat zur Kontrolle der Kurdengebiete aufgebaut hat, wirkt hier auch als mächtige Interessenvertretung derer, die nun die Felder in Besitz genommen haben.

Da es keine Industrie gibt, die Felder in der Umgebung mit großen Maschinen bewirtschaftet werden, ein Umzug in die Touristenhochburgen der Westtürkei zu teuer ist, blieb nur die Idee des Dolmuz übrig.

Nur durch die Verbundenheit und Solidarität aus Deutschland ist die Familie vor dem Absturz ins Elend bewahrt worden. Sie lebt weiterhin arm und bescheiden, aber in gewisser Sicherheit. Die Anschaffungen sind gut überlegt: die Kuh Kani und die beiden Kälbchen Berfin und Eva bringen Frischmilch und Käse, Satellitenschüssel und Fernseher die deutsche Sprache, Waschmaschine und Kühlschrank Erleichterungen in den Alltag der Familie. Wir können nur hoffen, dass die Behörden die Familie in Ruhe ihr Leben leben lassen, Sorgen und Probleme sind genug vorhanden.

Zweimal haben Nafiye und Ali alles verloren, ihre Heimat, ihr Vermögen, ihre Zukunft – einmal bei ihrer abenteuerlichen Flucht 1996 aus der Türkei nach Deutschland und zum zweiten Mal bei ihrer gewaltsamen Abschiebung 2006 aus Koblenz. Vieles ist in ihnen zerbrochen, aber sie haben auch neue Fähigkeiten in sich entdeckt. Als Asylbewerber sind sie immer Fremde in Deutschland geblieben, als Abgeschobene sind sie nun Fremde in der Türkei. Wir können nur hoffen, dass sie ihr wahres Domizil in sich selbst entdeckt haben und dies auch ihren Kindern schenken können.